Den richtigen Platz im Leben finden

Familienaufstellungen nach der Lehre von Bert Hellinger bieten Problemlösungen an - Befreiende Erkenntnisse sind wie ein Samenkorn

Die Psychotherapie weiß schon lange, dass alle Menschen von den ersten Erlebnissen ihrer Kindheit für ihr ganzes Leben geprägt werden. Ob sich ein Kind zu einem selbstbewussten, ängstlichen oder gar zu einem seelisch kranken Erwachsenen entwickelt, hängt unter anderem auch von seiner Stellung innerhalb der Familie ab. Ein Familienaufstellungsseminar kann Menschen, die in scheinbar ausweglosen Situationen stecken, ganz neue Wege in ein freieres Leben aufzeigen.

KAISERSESCH. "Jeder trage des anderen Last", diese eigentlich gut gemeinte Empfehlung gilt nicht uneingeschränkt in der Familienaufstellung. Die nach den Lehren und Erfahrungen von Bert Hellinger ausgebildete Therapeutin Margit Wilhelmy aus Kaisersesch erklärt ihren Seminarteilnehmern vielmehr: "Jeder trägt sein eigenes Schicksal beziehungsweise seine mitgebrachten Lasten. Nur gemeinsam erlebtes Schlimmes muss gemeinsam getragen werden." Allerdings sei es wichtig, dass Partner sich gegenseitig Achtung für das zu tragende Schicksal entgegenbringen.

Lasten, die auf den falschen Schultern zu schwer drücken, werden in Familienaufstellungen aufgespürt und dorthin verlagert, wo sie hingehören. Unbewusst übernehmen Kinder die schweren Schicksale von Familienangehörigen und werden als Erwachsene von der fremden Last fast erdrückt mit der Folge, dass sie in Krankheiten, Depressionen oder auch immer wieder in unglückliche Beziehungen und berufliche Misserfolge geraten.

Zum Beispiel Eva, eine knabenhaft wirkende, zierliche junge Frau verkündet mutig: "Heute möchte ich meine Ursprungsfamilie aufstellen. Ich weiß nicht, wer ich eigentlich bin. Und ich wünsche mir, dass meine Beziehung zu einem Mann gelingt." Nachdem sie die Therapeutin über die wichtigsten Familiendaten, insbesondere bedrückende und ungeklärte Ereignisse informiert hat, wählt Eva stellvertretend für ihre Mutter, ihren Vater und ihre Geschwister Seminarteilnehmer aus, die sie nach ihren Vorstellungen im Raum verteilt. Auch für sich selbst ordnet sie eine Person in ihr Familienbild ein. Später wird sie nach Aufforderung der Therapeutin ihre eigene Rolle übernehmen.

Alle Teilnehmer einer Familienaufstellung leisten als Beobachter oder Stellvertreter einen Beitrag zur Problemlösung.
Foto: Brigitte Meier

Margits Aufgabe ist es nun, die für Eva zunächst nicht erkennbaren Verstrickungen, Ablehnungen oder besonderen Bindungen ans Licht zu bringen. Immer wieder fordert sie die stellvertretenden Familienmitglieder auf, ihre Gefühle und Empfindungen zu beschreiben. Auf diese Weise erfährt Eva unter anderem, dass ihre Mutter das kleine Mädchen nie richtig wahrgenommen hat, das sich daher sehr verloren fühlte. Um sich aber überhaupt an einem Platz in der Familie zu behaupten, übernahm Eva unbewusst die Verantwortung für das ungeklärte Schicksal ihres im Krieg verschollenen Onkels. Nun kann Eva mit der sanften Anleitung der Therapeutin die ihr zustehende Position innerhalb der Familie und im Leben finden und sich durch Gegenüberstellungen mit ihrer "Mutter" und ihrem "Onkel" von fremden Lasten befreien.

"Was wir hier machen, ist reine Gefühlsarbeit", erklärt Margit Wilhelmy die Familienaufstellung. Nur wenn der Kopf ganz ausgeschaltet sei, könne sich eine Lösung für den Klienten anbieten.

Der Verstand kann auch nicht die Phänomene erklären, die von allen Seminarteilnehmern mit Verblüffung wahrgenommen werden: Die stellvertretend aufgestellten Personen fühlen ganz real die Angst, den Schmerz oder die Freude der Familienmitglieder, um die es geht.

Von einem weiteren, entscheidenden Phänomen berichtet Anna, die bereits an mehreren Aufstellungen teilgenommen und auch selbst aufgestellt hat: "Viele Probleme innerhalb meiner Familie lösen sich plötzlich, obwohl die betroffenen Angehörigen nichts von meiner Therapie wussten."

Margit Wilhelmy vergleicht die befreienden Erkenntnisse, zu denen die Seminarteilnehmer mitunter unter Tränen und großem Schmerz gelangen, mit einem Samenkorn: "Das muss erst wachsen. Es kann Tage oder auch Monate dauern, bis die Menschen eine Veränderung spüren. Heilung ist ein Geschenk, wo es gelingt." Brigitte Meier

Rhein-Zeitung - Ausgabe Mittelmosel vom 02.05.2003, Seite 17.