Großes Interesse an Vortragsreihe des Instituts für psychische Gesundheit
COCHEM. Wer hätte gedacht, dass ein "Psycho-Vortrag" an einem schönen
Frühlingsabend eine Halle füllen kann? Selbst der Veranstalter, das Institut für
psychische Gesundheit (IPG) Cochem, ist überrascht, dass rund 130 Zuhörer in das
Bürgerhaus von Sehl gekommen sind, um Dr. Hermann-Josef Simonis, Allgemeinarzt
und Psychotherapeut in Zell, zuzuhören. Er spricht über das Thema Angst.
Angst, scheint demnach vielen Menschen das Leben schwer zu machen, und Simonis
bestätigt dies: "Immer mehr Patienten leiden an so genannten Angststörungen mit
Symptomen wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Depressionen, ohne dass eine
organische Ursache gefunden werden kann."
Eigene Bedürfnisse äußern
Ein Fallbeispiel aus seiner Praxis macht deutlich, worum es geht: Eine Frau wird
mehrmals mit starken Herzbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert, und immer
wieder ohne organischen Befund entlassen. In der Psychotherapie stellt sich
heraus, dass die Patientin bereits als Kind sehr angepasst war, und als
Erwachsene stets das Wohl der Familie über ihre eigenen Interessen stellt. Als
sie es einmal wagt, ihrem Bruder zu widersprechen, der sie in einer
Erbangelegenheit übervorteilen will, treten zum ersten Mal die Panikattacken
auf. Nachdem die Frau in der Therapie gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse zu
äußern, Grenzen zu setzen und Gefühle, zum Beispiel ihre Wut auszudrücken,
verschwinden die Angststörungen.
Angst kann auch in die Sucht führen, sich aber auch nach außen hin äußern. Von
Ängsten geplagte Menschen können aggressiv und sehr abweisend sein. Sie setzen
keine Grenzen, wo es nötig ist, sondern überschreiten diese womöglich.
"Die Bindungsangst hindert viele Menschen daran, nach einer oder mehreren
Enttäuschungen eine neue Partnerschaft einzugehen, obwohl sie als einsame
Singles auch nicht glücklich sind", erläutert Simonis. Ebenso steht die
Verlust-angst, nämlich die Befürchtung, die Freiheit oder die eigene
Persönlichkeit aufgeben zu müssen, einer Beziehung oft im Wege. "Und alle Männer
hatten schon einmal Angst, in der Sexualität zu versagen", stellte Simonis fest.
Versagens- oder Blamageängste plagen aber auch Kinder in der Schule oder
Berufstätige am Arbeitsplatz.
Angst vor Krankheiten können je nach Lebenssituation real, aber auch völlig
übertrieben sein. Ebenso die Existenzangst, die bei einem Arbeitslosen nach
Meinung des Referenten zwar berechtigt ist, aber: "Seien wir doch mal ehrlich,
in unserem Land muss niemand Angst haben, zu verhungern." Berechtigt ist die
"natürliche Angst", die die Menschen davor schützt, sich in lebensgefährliche
Gefahren zu stürzen. Wie bekommt man nun die lähmenden Ängste, die hinter vielen
Situationen im Leben lauern, in den Griff? "Auf keinen Fall, indem wir davor
weglaufen", empfiehlt der Psychotherapeut. Wer das Heil in der Flucht sieht,
gerät in einen Teufelskreis aus schwindendem Selbstbewusstsein, ungünstigen
Verhaltensweisen, immer mehr Stress, Krankheitssymptomen und schließlich Angst
vor der Angst.
Es gibt Auswege
Doch es gibt Auswege aus diesem Teufelskreis, macht Simonis Mut. Stress kann man
etwa mit autogenem Training, Qui Gong oder Sport bewältigen. Außerdem hilft ein
gesunder Egoismus, um sich nicht in die Opferrolle drängen zu lassen.
"Da, wo die Angst ist, geht"s lang", erklärte der Referent und ermunterte dazu,
die Angst als Herausforderung und Chance zu sehen, etwas zu ändern. Offen sein
für gute und weniger gute Erfahrungen, immer wieder etwas Neues wagen und sich
positiven, wie negativen Gefühlen stellen erleichtert den Umgang mit der Angst.
(bm)
Rhein-Zeitung - Ausgabe
Mittelmosel vom 17.05.2006, Seite 18.